Julia Erdmann und Indra Musiol

Pionierarbeit ist Teamarbeit:

Wie wir mit Co-Kreation gewohnte Denkroutinen im Wohnen und Bauen durchbrechen

Die Welt braucht nicht noch mehr Standardbauten, sondern Räume, die der Zukunft gewachsen sind. Daran arbeiten Julia Erdmann und Indra Musiol in ihrem agilen, interdisziplinären Unternehmen und Netzwerk JES. Die eine ist von Beruf Architektin und berufene Stadtgestalterin, die andere Expertin für Kommunikation und Co-Kreation. Ihr Ansatz: Aus der DNA eines Ortes in co-kreativen Prozessen ein Zukunftsnarrativ entwickeln. Das nennen sie Socialtecture. Ihr Ziel: soziales Leben und Architektur zusammendenken, noch ehe Projektentwickler planen, Architekten entwerfen und Bagger die Grube ausheben. Wie das geht, zeigen die beiden bei Aareon Live. Nach einem interaktiven Impulsvortrag werden 100 Teilnehmer in digitalen Workshops mit Socialtecture-Methoden kurzweilige Aufgaben bearbeiten und sich über ihre Erfahrungen austauschen.

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Julia Erdmann und Indra Musiol

Indra Musiol, Kommunikationsexpertin und Julia Erdmann, Architektin (Foto: JES – Philipp Schürmann)

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Vier Fragen an Indra Musiol und Julia Erdmann:

Oft wird einfach losgebaut, ohne Fragen zu stellen. Wie Architektur anders geht, erklären sie hier

1. Sie haben komplexe Großprojekte in Bremen, Hamburg und Kiel zum Erfolg gebracht. Erster Schritt soll dabei öfter gewesen sein, dass Sie einfach die Pläne auf den Kopf gestellt haben. Stimmt das und welche Auswirkung hat bzw. hatte das auf die Ergebnisse?

Wir betrachten Orte grundsätzlich aus vielen Perspektiven und haben Methoden dafür entwickelt, gemeinsam mit unseren Projektpartnern immer wieder unterschiedliche „Brillen“ aufzusetzen – derer, die an einem Ort leben, arbeiten, einkaufen, verkaufen, entspannen, sich bewegen. Außerdem hinterfragen wir bewusst Denkweisen und selbstverständliche Routinen – wir betrachten Gewohntes immer wieder neu. Dafür steht symbolisch, den Stadtplan auch mal auf den Kopf zu stellen.

2. Ihre Workshops haben nicht selten recht kreative Titel. Sie heißen mal Ideenmeisterschaft, mal Ideeathlon. Was hat Sie dazu bewegt und inwiefern wirkt sich das auf die Ergebnisse aus? Brauchen neue Prozesse zwingend neue Namen?

Neue Prozesse brauchen neue Namen. Bei allem, was wir mit JES tun, betreten wir Neuland. So ist die Ideenmeisterschaft zum Beispiel ein neues Format für die Phase, in der normalerweise Architekturwettbewerbe durchgeführt werden. Den Prozess, den wir entwickelt haben, gibt es in dieser Form bisher so nicht. Darum nutzen wir unsere eigenen Begriffe, die beschreiben, worum es geht: um eine Meisterschaft der Ideen oder, anders gesagt, um co-kreativen Hochleistungssport.

3. Ein Immobilienentwickler, der an einer Ihrer Ideenmeisterschaften teilgenommen hat, hat das Treffen eine „intellektuelle Hüpfburg“ genannt. Gefällt Ihnen der Begriff? Warum trifft es dies aus Ihrer Sicht so gut?

Das ist eine passende Beschreibung. Bei einer Ideenmeisterschaft treffen Menschen aufeinander, die sehr unterschiedliches Wissen mitbringen. Expertinnen und Experten unterschiedlicher Disziplinen arbeiten miteinander an Ideen für einen Ort – je nach Aufgabe zum Beispiel aus den Bereichen Architektur und Stadtgestaltung, Nachhaltigkeit, Mobilität, Zukunftsforschung, Design, Soziologie. Hinzu kommen unter anderem Perspektiven von Studierenden, Schülerinnen und Schülern, Menschen aus der Nachbarschaft etc. Geschlossenes Arbeiten findet ebenso statt wie öffentliche Gespräche. Dadurch entstehen Ideen, die sonst nicht geboren werden – denn ein solch intensiver und interdisziplinärer Austausch zu einem Ort findet in der Regel nicht statt. Dabei ist es uns wichtig, eine gastfreundliche Atmosphäre zu schaffen, in der alle Freude daran haben, ihre Ideen zu teilen – und auf den Gedanken anderer aufzubauen.

4. Sie sagen: Zu oft wird einfach losgebaut ohne nachzudenken. Bei Pionierarbeit geht es aber nicht selten darum, beherzt den ersten Schritt zu machen, Dinge auszuprobieren und aus der Praxis zu lernen – also Idee und Umsetzung zu verzahnen. Ist das nicht ein Widerspruch?

Das JES-Credo lautet: Einfach machen! Vorangehen, lernen, mutig sein. Aber wir beobachten so häufig, dass gebaut wird, ohne vorher die Frage zu stellen: Was soll an dem Ort passieren? Es wird sehr schnell die Hülle geplant und gebaut – jedoch nicht das Leben darin! Das ist wie Hardware ohne Software. Wie wird ein Ort lebendig? Was tun die Menschen dort? Wie begegnen sie sich? Wie kommt Leben in die Erdgeschosse? Wie wird ein Büro mehr als ein Arbeitsplatz? Damit beschäftigen wir uns intensiv – und bringen daher einen Prozess und eine Methode voran, die wir „Socialtecture“ nennen. Erst der Mensch, dann das Gebaute. Es geht darum, wichtige Schritte zu tun, bevor es ins Bauen geht, um sich dann etwas zu trauen und iterativ vorzugehen.

Das Interview wurde erstmals veröffentlicht auf → Wohnungswirtschaft heute.