Prof. Dr. Maren Urner

Warum wir vor lauter Neuigkeiten die Nachrichten ├╝bersehen

Sind nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten?

Vom Umgang mit Medien und dem Medienkonsum im Zeitalter der Digitalisierung

Zu viele und nur negative Neuigkeiten: Die tägliche Flut digitaler Inputs überflutet uns und kann den Eindruck eines zu negativen Weltbilds zurücklassen. Was also tun? Maren Urner sagt: Es braucht zweierlei. Zum einen kritisch denkende Rezipienten, die sich immer wieder die eigenen Fehlbarkeiten bewusst machen. Zum anderen eine Berichterstattung, die uns nicht hoffnungslos und hilflos zurücklässt. Dabei geht es nicht ums Schönreden, sondern um einen Journalismus, der immer auch fragt: Wie kann es weitergehen? 2016 hat die Neurowissenschaftlerin deshalb Perspective Daily mitgegründet: Deutschlands erstes werbefreies Online-Magazin für Konstruktiven Journalismus. Was es braucht, um den Defiziten der Medien, aber auch den Reflexen unseres „Steinzeithirns“ zu entkommen, fasst die Professorin für Medienpsychologie in drei Worten zusammen: Naivität, Nachsicht und vor allem Neugier.

Prof. Dr. Maren Urner
Neurowissenschaftlerin, Bestseller-Autorin und Professorin für Medienpsychologie

Interessantes zu und von Prof. Dr. Maren Urner im Web

Keynote von Prof. Dr. Maren Urner auf dem work-X Festival 2019

Aus der Talkshow „Markus Lanz“ vom 06.08.2019

What neuroscience and journalism have to do with a better future | TEDxMünster 2015

Drei Fragen an Prof. Dr. Maren Urner

Frage: Damit wir uns selbst ein bisschen besser verstehen: Wie sorgt unser evolutionär auf Flucht getrimmtes Gehirn dafür, dass in der heutigen digitalen Angebotsvielfalt unsere Medienwahrnehmung einen Sinn ergibt – und wir nicht in der Informationsflut untergehen?

Antwort: Unser „Steinzeithirn“ – wie ich es gern liebevoll nenne – hat eine Vorliebe fürs Negative, die in Zeiten von Säbelzahntigern und Mammuts durchaus sinnvoll ist. Denn eine verpasste Warnung konnte die letzte Sache sein, die unsere Vorfahren wahrgenommen oder eben nicht wahrgenommen haben. In der digitalen Informationswelt steht der Säbelzahntiger nun aber im Minutentakt parat, nicht mehr vor der Höhle, sondern auf dem Smartphone und anderen Geräten, die wir meist täglich nutzen.

Wir können unser Steinzeithirn nicht austauschen oder diese Vorliebe komplett „abschalten“. Wir können uns diesen und andere meist evolutionsbiologische bedingten Mechanismen aber verdeutlichen und dann lernen, in der „neuen“ Umwelt nachhaltig damit umzugehen. Beispielsweise indem wir eine Medienhygiene entwickeln, gekoppelt an Gewohnheiten und Routinen.

 

Frage: Wir leben in einer Zeit mit vielen negativen Nachrichten. Gibt es Lösungsansätze für eine nachhaltige Berichterstattung, die Orientierung auch in Krisen bietet?

Antwort: Genau hier setzt der Konstruktive Journalismus an, der nicht bei der Problembeschreibung aufhört, sondern immer auch fragt: Was jetzt? Wie kann es weitergehen? Genau das ist im Grunde auch ein ur-menschliches Bedürfnis, denn wenn wir nicht nach dem „Wie weiter?“ fragen, wird jedes Handeln willkürlich. Der Psychotherapeut hat dieses zukunfts- oder lösungsorientierte Denken, das den Konstruktiven Journalismus ausmacht, mit einer Aussage auf den Punkt gebracht: „Das Reden über Probleme schafft Probleme, das Reden über Lösungen schafft Lösungen.“ Aus zahlreichen psychologischen Studien wissen wir mittlerweile, dass genau dieses Denken nicht nur zu mehr Verständnis führt, sondern auch Hoffnung und damit Handlungsbereitschaft und Kreativität fördert.

Frage: Was kann jeder von uns bei der Auswahl und Rezeption von Medien tun, um den Sensationsspiralen eines Mediensystems, das vor allem Aufmerksamkeit erregen möchte, entgegenzuwirken – wie können wir alle unseren eigenen konstruktiven Beitrag leisten?

Antwort: Beginnend bei der Frage nach der eigenen Medienhygiene kann sich jeder fragen: Wie möchte ich mich informieren? Was hilft mir wirklich, die Welt besser zu verstehen? Die Ehrlichkeit zu sich selbst und eine gewisse Demut spielen dabei eine zentrale Rolle. Und dann geht es ans Ändern der eigenen Gewohnheiten und ein Ausprobieren – das geht nicht von heute auf morgen, sondern ist ein Prozess, im besten Fall geprägt durch viele positive Lernerfahrungen und Erkenntnisse über das eigene Hirn und damit sich selbst.

Das Interview wurde erstmals veröffentlicht auf → Wohnungswirtschaft heute.